{"id":12656,"date":"2026-08-22T11:17:42","date_gmt":"2026-08-22T09:17:42","guid":{"rendered":"https:\/\/juergenpubanz.de\/?p=12656"},"modified":"2026-08-22T11:40:46","modified_gmt":"2026-08-22T09:40:46","slug":"william-klein-wenn-das-perfekte-foto-einfach-zu-langweilig-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/william-klein-wenn-das-perfekte-foto-einfach-zu-langweilig-ist\/","title":{"rendered":"William Klein \u2013 Wenn das perfekte Foto einfach zu langweilig ist"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Manchmal ist ein Foto unscharf. Es ist k&ouml;rnig, der Kontrast ziemlich heftig, die <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/perspektive\/\" target=\"_self\" title=\"Sie ist in der Fotografie &ndash; mehr als nur der Blickwinkel Perspektive geh&ouml;rt zu den wirkungsvollsten Gestaltungsmitteln der Fotografie &ndash; und gleichzeitig zu den Begriffen, die leicht missverst&auml;ndlich verwendet werden. Oft hei&szlig;t es beispielsweise, ein Weitwinkelobjektiv w&uuml;rde die Perspektive verst&auml;rken&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Perspektive<\/a> wirkt beinahe verzerrt und am Bildrand passiert etwas, das bei einer sorgf&auml;ltigen Komposition vermutlich nicht dort gelandet w&auml;re.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Normalerweise suchen wir dann nach dem Fehler.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei William Klein lohnt sich eine andere Frage: <strong>Was, wenn genau das die St&auml;rke des Bildes ist?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Klein geh&ouml;rte zu den Fotografen, die Vorstellungen davon, was ein &bdquo;gutes&ldquo; Foto zu sein hatte, ziemlich gr&uuml;ndlich durcheinanderbrachten. Seine Aufnahmen aus den Stra&szlig;en von New York wirken laut, eng, hektisch und manchmal geradezu aggressiv. Menschen schauen nicht nur in seine Kamera &ndash; sie reagieren auf sie. <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/bewegungsunschaerfe\/\" target=\"_self\" title=\"Bewegungsunsch&auml;rfe ist ein Ph&auml;nomen in der Fotografie, das auftritt, wenn sich das Motiv oder die Kamera w&auml;hrend der Belichtungszeit bewegt. Das Ergebnis ist ein unscharfes oder verschwommenes Bild, das nicht scharf und detailreich aussieht. Bewegungsunsch&auml;rfe kann in verschiedenen Situationen auftreten,&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Bewegungsunsch&auml;rfe<\/a>, grobes Korn und starke Kontraste verschwinden nicht aus seinen Bildern, sondern werden Teil ihrer Sprache.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Interessante daran ist allerdings nicht, dass Klein fotografische Regeln missachtete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Interessant ist, <strong>warum seine Bilder trotzdem &ndash; oder gerade deshalb &ndash; funktionieren.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Von New York nach Paris<\/h2>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">William Klein wurde 1926 in New York geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam er nach Europa und lie&szlig; sich schlie&szlig;lich in Paris nieder. Dort studierte er unter anderem bei Fernand L&eacute;ger und besch&auml;ftigte sich zun&auml;chst vor allem mit Malerei und abstrakter Kunst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist f&uuml;r seine sp&auml;tere Fotografie wichtiger, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Klein kam n&auml;mlich nicht aus einer klassischen fotografischen Ausbildung. Seine visuelle Welt wurde von Malerei, Grafik, Formen und Bewegung gepr&auml;gt. Anfang der 1950er-Jahre experimentierte er mit abstrakter Fotografie und Fotogrammen. Fotografie war f&uuml;r ihn damit von Beginn an weniger ein Verfahren zur m&ouml;glichst sauberen Wiedergabe der Wirklichkeit als ein Material, mit dem sich gestalten lie&szlig;.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/deed.de\" target=\"_blank\" rel=\" noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"430\" src=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/William-Klein-Portrait-Web.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12660\" style=\"aspect-ratio:1.1627990645799604;width:344px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/William-Klein-Portrait-Web.jpg 500w, https:\/\/juergenpubanz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/William-Klein-Portrait-Web-400x344.jpg 400w, https:\/\/juergenpubanz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/William-Klein-Portrait-Web-14x12.jpg 14w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\"><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">William Klein, Cin&eacute;math&egrave;que fran&ccedil;aise, Paris, 2008. Foto: Roman Bonnefoy \/ Wikimedia Commons, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/deed.de\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/deed.de\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">CC BY-SA 3.0<\/a>.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Haltung sollte sp&auml;ter auch seine Stra&szlig;en- und Modefotografie pr&auml;gen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1954 kehrte Klein nach New York zur&uuml;ck. Alexander Liberman, Art Director der amerikanischen <em>Vogue<\/em>, hatte ihn f&uuml;r das Magazin engagiert. Neben seiner Arbeit f&uuml;r <em>Vogue<\/em> begann Klein, seine Heimatstadt zu fotografieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dieses New York sah anders aus als vieles, was man damals von anspruchsvoller Fotografie gewohnt war.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Eine Stadt, die nicht stillhalten will<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kleins New York ist kein sauber geordnetes Portr&auml;t einer Metropole.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Stadt dr&auml;ngt sich geradezu in seine Bilder hinein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Menschen stehen dicht vor der Kamera. Gesichter tauchen am Bildrand auf. Reklametafeln konkurrieren mit Passanten, H&auml;usern, Autos und Stra&szlig;enschildern. Manchmal scheint der gesamte Bildraum bis zum Rand gef&uuml;llt zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Klein arbeitete unter anderem mit Kleinbildkameras und Weitwinkelobjektiven. Er ging nah an die Menschen heran und machte aus dieser N&auml;he keinen Hehl. K&ouml;rnung, Unsch&auml;rfe und harte Kontraste, die leicht als technische M&auml;ngel verstanden werden konnten, wurden bei ihm zu Gestaltungsmitteln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entscheidend ist dabei die N&auml;he.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Street Photography wird gerne mit dem unsichtbaren Beobachter verbunden: Der Fotograf wartet auf den richtigen Augenblick, ohne die Szene merklich zu beeinflussen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Klein arbeitete anders.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er war h&auml;ufig mitten im Geschehen und interagierte mit den Menschen vor seiner Kamera. Er versuchte nicht unbedingt, als Fotograf unsichtbar zu werden. Seine Anwesenheit konnte Teil der Situation und damit auch Teil des entstehenden Fotos werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ver&auml;ndert den Charakter seiner Bilder erheblich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir betrachten die Stra&szlig;e nicht aus sicherer Entfernung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wir stehen mittendrin.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">&bdquo;Gun 1&ldquo; &ndash; wenn die Kamera Teil der Szene wird<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein besonders bekanntes Beispiel daf&uuml;r entstand 1955 in New York.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem Foto, das als <strong><a href=\"https:\/\/www.metmuseum.org\/art\/collection\/search\/265062\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">&bdquo;Gun 1, New York&ldquo;<\/a><\/strong> beziehungsweise auch als <strong><a href=\"https:\/\/www.metmuseum.org\/art\/collection\/search\/265062\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">&bdquo;Boy + Gun + Girl, New York&ldquo;<\/a><\/strong> bekannt ist, richtet ein Junge eine Spielzeugpistole direkt auf Klein und damit auf die Kamera. Sein Gesicht ist angespannt, die Waffe befindet sich erschreckend nah am Objektiv. Ein zweites Kind steht dahinter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Bild besitzt eine enorme Unmittelbarkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade daran l&auml;sst sich ein wichtiger Unterschied zu einer rein beobachtenden Stra&szlig;enfotografie erkennen: Die Kamera zeichnet hier nicht einfach eine unabh&auml;ngig von ihr stattfindende Situation auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie geh&ouml;rt zur Situation.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Junge reagiert auf den Fotografen. Die N&auml;he des Fotografen beeinflusst das Bild. Und genau diese Reaktion wird zum eigentlichen Motiv.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das macht Kleins Fotografie auch heute noch interessant. Sie erinnert daran, dass die Anwesenheit eines Fotografen eine Situation ver&auml;ndern kann &ndash; und dass diese Ver&auml;nderung nicht zwangsl&auml;ufig ein fotografischer Fehler sein muss.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Fotobuch wie eine Gro&szlig;stadt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus seinen New Yorker Aufnahmen entstand eines der wichtigsten Projekte seiner Karriere: <strong>&bdquo;Life is Good &amp; Good for You in New York: Trance Witness Revels&ldquo;<\/strong>, ver&ouml;ffentlicht 1956.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Amerikanische Verlage wollten das Buch zun&auml;chst nicht ver&ouml;ffentlichen. Es erschien schlie&szlig;lich zuerst in Europa. Klein entwickelte nicht nur die Fotografien, sondern pr&auml;gte auch Auswahl, Gestaltung und Layout des Buches. 1957 wurde es mit dem franz&ouml;sischen Prix Nadar ausgezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Buch ist wichtig, weil bei Klein nicht nur das einzelne Foto z&auml;hlt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die Abfolge der Bilder und ihre grafische Pr&auml;sentation geh&ouml;ren zum Werk.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier merkt man wieder, dass Klein ebenso sehr Gestalter wie Fotograf war. Das Fotobuch ist nicht lediglich ein Beh&auml;lter, in den fertige Fotografien einsortiert werden. Es wird selbst zum visuellen Ausdrucksmittel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach New York widmete Klein weitere B&uuml;cher gro&szlig;en St&auml;dten, darunter Rom, Moskau und Tokio. Das Prinzip blieb dabei &auml;hnlich: Er wollte eine Stadt nicht in eine Sammlung h&uuml;bscher Sehensw&uuml;rdigkeiten verwandeln, sondern sich auf ihre Menschen, ihre Zeichen, ihre Bewegung und ihre Widerspr&uuml;che einlassen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">William Klein in Bildern<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kleins Fotografie l&auml;sst sich nur schwer allein mit Worten beschreiben. Gerade seine dichten Bildkompositionen, die N&auml;he zu den Menschen und das Zusammenspiel von Bewegung, Korn und Kontrast muss man eigentlich sehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das folgende Video aus der Reihe <strong>&bdquo;Great Photographers&ldquo;<\/strong> zeigt zahlreiche Arbeiten aus unterschiedlichen Phasen seines Schaffens. In der Abfolge der Fotografien wird besonders deutlich, wie konsequent Klein mit N&auml;he, Bewegung und scheinbarer Unordnung gearbeitet hat.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"William Klein\" width=\"960\" height=\"540\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/BcZq3nIN-vU?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:30px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das kontrollierte Chaos<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei Kleins Bildern k&ouml;nnte leicht der Eindruck entstehen, man m&uuml;sse nur m&ouml;glichst nah herangehen, die Kamera etwas schief halten und ein wenig Unsch&auml;rfe zulassen &ndash; schon habe man den typischen William-Klein-Look.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So einfach ist es nat&uuml;rlich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn Chaos allein ergibt noch kein interessantes Foto.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Klein kam aus der Malerei und der grafischen Gestaltung. Hinter der scheinbaren Unordnung seiner Bilder steckt ein ausgepr&auml;gtes Bewusstsein f&uuml;r Fl&auml;chen, Kontraste, Bewegung und Bildrhythmus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei spielte auch der Zufall eine Rolle. Aber Klein &uuml;berlie&szlig; ihm nicht einfach die gesamte Fotografie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist ein spannender Gedanke.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fotografie muss nicht bedeuten, s&auml;mtliche Bedingungen zu kontrollieren. Man kann Bedingungen schaffen, unter denen etwas Unvorhergesehenes passieren darf &ndash; und anschlie&szlig;end schnell genug reagieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht l&auml;sst sich Kleins Arbeitsweise deshalb besser als <strong>organisiertes Chaos<\/strong> verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht alles im Bild ist geplant.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber der Fotograf ist bereit f&uuml;r das, was passiert.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Von der Stra&szlig;e zur Mode &ndash; und wieder zur&uuml;ck<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Klein ausschlie&szlig;lich als Street Photographer zu betrachten, w&uuml;rde seinem Werk allerdings nicht gerecht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Parallel arbeitete er viele Jahre als Modefotograf f&uuml;r <em>Vogue<\/em>. Auch dort brachte er Bewegung in ein Genre, das stark von kontrollierten Studiosituationen gepr&auml;gt war. Models tauchten bei ihm mitten im Stra&szlig;enleben auf oder wurden Teil ungew&ouml;hnlicher grafischer und fotografischer Inszenierungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein bekanntes Beispiel ist <strong><a href=\"https:\/\/www.jacksonfineart.com\/exhibitions\/34\/works\/artworks-27861\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">&bdquo;Simone + Nina, Piazza di Spagna, Rome&ldquo;<\/a><\/strong><a href=\"https:\/\/www.jacksonfineart.com\/exhibitions\/34\/works\/artworks-27861\/\"> <\/a>von 1960. Mode und st&auml;dtischer Alltag befinden sich darin im selben Bildraum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Klein behandelte die unterschiedlichen Bereiche seines Schaffens ohnehin nicht als streng voneinander getrennte Welten. Malerei, Grafik, Fotografie, Buchgestaltung und sp&auml;ter Film beeinflussten sich gegenseitig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade diese Vielseitigkeit macht eine eindeutige Einordnung schwierig &ndash; und interessant.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das International Center of Photography widmete ihm 2022 mit <strong>&bdquo;William Klein: YES; Photographs, Paintings, Films, 1948&ndash;2013&ldquo;<\/strong> eine gro&szlig;e Retrospektive mit Arbeiten aus rund sechs Jahrzehnten. Schon der Titel macht deutlich, wie wenig Klein auf die Rolle des Stra&szlig;enfotografen reduziert werden kann.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fotografie muss nicht perfekt aussehen, um pr&auml;zise zu sein<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier liegt f&uuml;r mich eine der interessantesten Seiten von William Klein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute k&ouml;nnen unsere Kameras technische Probleme l&ouml;sen, von denen Fotografen der 1950er-Jahre nur tr&auml;umen konnten. Der <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/autofokus\/\" target=\"_self\" title=\"Der Autofokus, kurz AF, ist ein System zur automatischen Scharfstellung einer Kamera. Er ermittelt, auf welcher Entfernung sich das ausgew&auml;hlte Motiv befindet, und steuert das Objektiv so, dass dieses m&ouml;glichst scharf auf dem Film oder Bildsensor abgebildet wird. Bei modernen&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Autofokus<\/a> verfolgt Augen, hohe <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/iso\/\" target=\"_self\" title=\"Was der ISO-Wert wirklich bedeutet ISO 100, ISO 800, ISO 3200 &ndash; kaum eine Kamera kommt ohne diese Zahlen aus. Besonders praktisch wird ISO immer dann, wenn das vorhandene Licht knapp wird: Du erh&ouml;hst den Wert und kannst pl&ouml;tzlich mit&hellip;\" class=\"encyclopedia\">ISO<\/a>-Werte liefern erstaunlich brauchbare Ergebnisse und eine moderne Bildstabilisierung kann Verwacklungen verhindern, bei denen fr&uuml;her kaum noch an eine scharfe Aufnahme zu denken gewesen w&auml;re.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das alles ist gro&szlig;artig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber keine dieser Funktionen beantwortet die entscheidende Frage:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie soll sich mein Bild anf&uuml;hlen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kleins Fotografien zeigen sehr deutlich, dass technische Perfektion und fotografische Wirkung zwei unterschiedliche Dinge sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein unscharfes Foto ist deshalb nat&uuml;rlich nicht automatisch ein gutes Foto. K&ouml;rnung macht ein belangloses Motiv nicht interessant. Und ein schiefer Horizont verwandelt eine beliebige Stra&szlig;enszene noch lange nicht in Street Photography.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das w&auml;re die falsche Lehre aus seinem Werk.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die interessantere lautet:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ein sogenannter technischer Fehler kann funktionieren, wenn er die Bildwirkung unterst&uuml;tzt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/bewegungsunschaerfe\/\" target=\"_self\" title=\"Bewegungsunsch&auml;rfe ist ein Ph&auml;nomen in der Fotografie, das auftritt, wenn sich das Motiv oder die Kamera w&auml;hrend der Belichtungszeit bewegt. Das Ergebnis ist ein unscharfes oder verschwommenes Bild, das nicht scharf und detailreich aussieht. Bewegungsunsch&auml;rfe kann in verschiedenen Situationen auftreten,&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Bewegungsunsch&auml;rfe<\/a> kann Bewegung sp&uuml;rbar machen. Grobes Korn kann eine Bildfl&auml;che zusammenhalten. Ein extremes Weitwinkel kann r&auml;umliche N&auml;he verst&auml;rken. Ein angeschnittener Mensch kann das Gef&uuml;hl erzeugen, dass die Welt au&szlig;erhalb des Bildrandes einfach weitergeht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann ist die Abweichung von technischer Perfektion kein Selbstzweck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie hat eine Aufgabe.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was Du von William Klein ausprobieren kannst<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du musst Kleins Stil nicht imitieren, um etwas aus seiner Fotografie mitzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stell Dir beispielsweise vor, Du fotografierst auf einem belebten Stra&szlig;enfest.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du k&ouml;nntest am Rand stehen, ein Teleobjektiv verwenden und einzelne Situationen aus sicherer Entfernung herausl&ouml;sen. Das kann sehr gute Bilder ergeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du k&ouml;nntest aber auch bewusst eine andere Entscheidung treffen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nimm eine kurze <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/brennweite\/\" target=\"_self\" title=\"Die Brennweite ist ein wichtiger Begriff in der Fotografie und bezieht sich auf die Entfernung zwischen dem Brennpunkt einer Linse und dem Sensor oder Film in einer Kamera. Die Brennweite wird in Millimetern gemessen und gibt an, wie stark die&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Brennweite<\/a> und bewege Dich n&auml;her an das Geschehen. Lass Menschen im Vordergrund auftauchen. Warte nicht darauf, dass der Hintergrund endlich ordentlich aussieht. Nutze Schilder, Gesichter, Bewegungen und &Uuml;berschneidungen als Teil der Komposition.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und wenn jemand auf Deine Kamera reagiert, muss damit das Foto nicht zwangsl&auml;ufig verloren sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pl&ouml;tzlich dokumentierst Du nicht nur, <strong>was dort passiert<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Bild kann vermitteln, <strong>wie es sich angef&uuml;hlt hat, dort zu sein<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat&uuml;rlich geh&ouml;rt gerade bei der Street Photography ein respektvoller Umgang mit den fotografierten Menschen dazu. N&auml;he ist kein Freibrief. Auch darin unterscheidet sich unsere heutige Auseinandersetzung mit historischen Vorbildern vom blo&szlig;en Nachahmen ihrer Arbeitsweise.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Nicht den Fehler kopieren, sondern die Freiheit verstehen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An William Kleins Fotografien gefallen mir weniger die offensichtlichen Stilmerkmale als die Haltung dahinter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn man k&ouml;nnte seine Bilder leicht auf ein Rezept reduzieren:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weitwinkel, Schwarzwei&szlig;, Korn, hoher Kontrast, N&auml;he, etwas <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/bewegungsunschaerfe\/\" target=\"_self\" title=\"Bewegungsunsch&auml;rfe ist ein Ph&auml;nomen in der Fotografie, das auftritt, wenn sich das Motiv oder die Kamera w&auml;hrend der Belichtungszeit bewegt. Das Ergebnis ist ein unscharfes oder verschwommenes Bild, das nicht scharf und detailreich aussieht. Bewegungsunsch&auml;rfe kann in verschiedenen Situationen auftreten,&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Bewegungsunsch&auml;rfe<\/a> &ndash; fertig ist William Klein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur w&uuml;rde dabei gerade das verloren gehen, was seine Arbeit spannend macht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Klein entwickelte seine Bildsprache aus einer bestimmten Situation, seiner k&uuml;nstlerischen Herkunft und seiner eigenen Art, auf die moderne Gro&szlig;stadt zu reagieren. Er kopierte keinen &bdquo;Street-Look&ldquo;. Er suchte nach einer visuellen Sprache f&uuml;r das, was ihn umgab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau darin liegt f&uuml;r mich der zeitgem&auml;&szlig;e Gedanke.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir verf&uuml;gen heute &uuml;ber Kameras, Objektive, Filmsimulationen, Presets und Bearbeitungsprogramme, mit denen sich beinahe jeder historische Look &uuml;berzeugend nachbauen l&auml;sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die spannendere Frage ist aber nicht:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie bekomme ich meine Bilder dazu, wie William Klein auszusehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sondern:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie finde ich eine Bildsprache, die zu dem passt, was ich selbst zeigen m&ouml;chte?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">William Klein starb 2022 in Paris. Sein Werk l&auml;sst sich kaum auf Street Photography reduzieren: Er war Maler, Fotograf, Grafiker, Buchgestalter und Filmemacher und bewegte sich immer wieder zwischen diesen Bereichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F&uuml;r die Fotografie bleibt vor allem seine Bereitschaft wichtig, Vorstellungen von technischer und gestalterischer Korrektheit infrage zu stellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht, weil Regeln grunds&auml;tzlich schlecht w&auml;ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und auch nicht, weil Unsch&auml;rfe interessanter w&auml;re als Sch&auml;rfe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sondern weil ein Foto am Ende nicht daf&uuml;r da ist, zu beweisen, dass die Kamera korrekt bedient wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es soll etwas zeigen, erz&auml;hlen oder sp&uuml;rbar machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und manchmal darf es daf&uuml;r sogar ein bisschen unordentlich werden.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\">\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Quellen und weiterf&uuml;hrende Informationen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Beitragsbild mit KI erstellt<\/strong> &ndash; Das eigens f&uuml;r diesen Beitrag erstellte Schwarzwei&szlig;motiv greift nicht eines von Kleins historischen Fotos auf, sondern &uuml;bersetzt einige der Themen des Artikels visuell: N&auml;he, Gro&szlig;stadt, Weitwinkel, Kontrast und die unmittelbare Pr&auml;senz des Fotografen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><a href=\"https:\/\/www.icp.org\/browse\/archive\/constituents\/william-klein\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.icp.org\/browse\/archive\/constituents\/william-klein?utm_source=chatgpt.com\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">International Center of Photography (ICP)<\/a><\/strong><br>Biografische Informationen zu William Klein, seinem fotografischen Werk sowie zur Retrospektive <em>William Klein: YES; Photographs, Paintings, Films, 1948&ndash;2013<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><a href=\"https:\/\/www.centrepompidou.fr\/en\/pompidou-plus\/magazine\/article\/william-klein-loeil-uppercut\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Centre Pompidou, Paris<\/a><\/strong><br>Informationen zu Kleins Fotografie, Film, Malerei und seiner multidisziplin&auml;ren Arbeitsweise.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><a href=\"https:\/\/www.nga.gov\/artists\/24667-william-klein\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">National Gallery of Art, Washington<\/a><\/strong><br>Sammlung mit Arbeiten William Kleins, darunter <em>Boy + Gun + Girl, New York<\/em> sowie weitere Fotografien aus seinem Werk.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal ist ein Foto unscharf. Es ist k\u00f6rnig, der Kontrast ziemlich heftig, die Perspektive wirkt beinahe verzerrt und am Bildrand passiert etwas, das bei einer sorgf\u00e4ltigen Komposition vermutlich nicht dort gelandet w\u00e4re. Normalerweise suchen wir dann nach dem Fehler. Bei William Klein lohnt sich eine andere Frage: Was, wenn genau das die St\u00e4rke des Bildes ist? Klein geh\u00f6rte zu den Fotografen, die Vorstellungen davon, was ein \u201egutes\u201c Foto zu sein hatte, ziemlich gr\u00fcndlich durcheinanderbrachten. Seine Aufnahmen aus den Stra\u00dfen von New York wirken laut, eng, hektisch und manchmal geradezu aggressiv. Menschen schauen nicht nur in seine Kamera \u2013 sie reagieren auf sie. Bewegungsunsch\u00e4rfe, grobes Korn und starke Kontraste verschwinden nicht aus seinen Bildern, sondern werden Teil ihrer Sprache. Das Interessante daran ist allerdings nicht, dass Klein fotografische Regeln missachtete. Interessant ist, warum seine Bilder trotzdem \u2013 oder gerade deshalb \u2013 funktionieren. Von New York nach Paris William Klein wurde 1926 in New York geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam er nach Europa und lie\u00df sich schlie\u00dflich in Paris nieder. Dort studierte er unter anderem bei Fernand L\u00e9ger und besch\u00e4ftigte sich zun\u00e4chst vor allem mit Malerei und abstrakter Kunst. Das ist f\u00fcr seine sp\u00e4tere Fotografie wichtiger, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Klein kam n\u00e4mlich nicht aus einer klassischen fotografischen Ausbildung. Seine visuelle Welt wurde von Malerei, Grafik, Formen und Bewegung gepr\u00e4gt. Anfang der 1950er-Jahre experimentierte er mit abstrakter Fotografie und Fotogrammen. Fotografie war f\u00fcr ihn damit von Beginn an weniger ein Verfahren zur m\u00f6glichst sauberen Wiedergabe der Wirklichkeit als ein Material, mit dem sich gestalten lie\u00df. Diese Haltung sollte sp\u00e4ter auch seine Stra\u00dfen- und Modefotografie pr\u00e4gen. 1954 kehrte Klein nach New York zur\u00fcck. Alexander Liberman, Art Director der amerikanischen Vogue, hatte ihn f\u00fcr das Magazin engagiert. Neben seiner Arbeit f\u00fcr Vogue begann Klein, seine Heimatstadt zu fotografieren. Und dieses New York sah anders aus als vieles, was man damals von anspruchsvoller Fotografie gewohnt war. Eine Stadt, die nicht stillhalten will Kleins New York ist kein sauber geordnetes Portr\u00e4t einer Metropole. Die Stadt dr\u00e4ngt sich geradezu in seine Bilder hinein. Menschen stehen dicht vor der Kamera. Gesichter tauchen am Bildrand auf. Reklametafeln konkurrieren mit Passanten, H\u00e4usern, Autos und Stra\u00dfenschildern. Manchmal scheint der gesamte Bildraum bis zum Rand gef\u00fcllt zu sein. Klein arbeitete unter anderem mit Kleinbildkameras und Weitwinkelobjektiven. Er ging nah an die Menschen heran und machte aus dieser N\u00e4he keinen Hehl. K\u00f6rnung, Unsch\u00e4rfe und harte Kontraste, die leicht als technische M\u00e4ngel verstanden werden konnten, wurden bei ihm zu Gestaltungsmitteln. Entscheidend ist dabei die N\u00e4he. Street Photography wird gerne mit dem unsichtbaren Beobachter verbunden: Der Fotograf wartet auf den richtigen Augenblick, ohne die Szene merklich zu beeinflussen. Klein arbeitete anders. Er war h\u00e4ufig mitten im Geschehen und interagierte mit den Menschen vor seiner Kamera. Er versuchte nicht unbedingt, als Fotograf unsichtbar zu werden. Seine Anwesenheit konnte Teil der Situation und damit auch Teil des entstehenden Fotos werden. Das ver\u00e4ndert den Charakter seiner Bilder erheblich. Wir betrachten die Stra\u00dfe nicht aus sicherer Entfernung. Wir stehen mittendrin. \u201eGun 1\u201c \u2013 wenn die Kamera Teil der Szene wird Ein besonders bekanntes Beispiel daf\u00fcr entstand 1955 in New York. Auf dem Foto, das als \u201eGun 1, New York\u201c beziehungsweise auch als \u201eBoy + Gun + Girl, New York\u201c bekannt ist, richtet ein Junge eine Spielzeugpistole direkt auf Klein und damit auf die Kamera. Sein Gesicht ist angespannt, die Waffe befindet sich erschreckend nah am Objektiv. Ein zweites Kind steht dahinter. Das Bild besitzt eine enorme Unmittelbarkeit. Gerade daran l\u00e4sst sich ein wichtiger Unterschied zu einer rein beobachtenden Stra\u00dfenfotografie erkennen: Die Kamera zeichnet hier nicht einfach eine unabh\u00e4ngig von ihr stattfindende Situation auf. Sie geh\u00f6rt zur Situation. Der Junge reagiert auf den Fotografen. Die N\u00e4he des Fotografen beeinflusst das Bild. Und genau diese Reaktion wird zum eigentlichen Motiv. Das macht Kleins Fotografie auch heute noch interessant. Sie erinnert daran, dass die Anwesenheit eines Fotografen eine Situation ver\u00e4ndern kann \u2013 und dass diese Ver\u00e4nderung nicht zwangsl\u00e4ufig ein fotografischer Fehler sein muss. Ein Fotobuch wie eine Gro\u00dfstadt Aus seinen New Yorker Aufnahmen entstand eines der wichtigsten Projekte seiner Karriere: \u201eLife is Good &amp; Good for You in New York: Trance Witness Revels\u201c, ver\u00f6ffentlicht 1956. Amerikanische Verlage wollten das Buch zun\u00e4chst nicht ver\u00f6ffentlichen. Es erschien schlie\u00dflich zuerst in Europa. Klein entwickelte nicht nur die Fotografien, sondern pr\u00e4gte auch Auswahl, Gestaltung und Layout des Buches. 1957 wurde es mit dem franz\u00f6sischen Prix Nadar ausgezeichnet. Das Buch ist wichtig, weil bei Klein nicht nur das einzelne Foto z\u00e4hlt. Auch die Abfolge der Bilder und ihre grafische Pr\u00e4sentation geh\u00f6ren zum Werk. Hier merkt man wieder, dass Klein ebenso sehr Gestalter wie Fotograf war. Das Fotobuch ist nicht lediglich ein Beh\u00e4lter, in den fertige Fotografien einsortiert werden. Es wird selbst zum visuellen Ausdrucksmittel. Nach New York widmete Klein weitere B\u00fccher gro\u00dfen St\u00e4dten, darunter Rom, Moskau und Tokio. Das Prinzip blieb dabei \u00e4hnlich: Er wollte eine Stadt nicht in eine Sammlung h\u00fcbscher Sehensw\u00fcrdigkeiten verwandeln, sondern sich auf ihre Menschen, ihre Zeichen, ihre Bewegung und ihre Widerspr\u00fcche einlassen. William Klein in Bildern Kleins Fotografie l\u00e4sst sich nur schwer allein mit Worten beschreiben. Gerade seine dichten Bildkompositionen, die N\u00e4he zu den Menschen und das Zusammenspiel von Bewegung, Korn und Kontrast muss man eigentlich sehen. Das folgende Video aus der Reihe \u201eGreat Photographers\u201c zeigt zahlreiche Arbeiten aus unterschiedlichen Phasen seines Schaffens. In der Abfolge der Fotografien wird besonders deutlich, wie konsequent Klein mit N\u00e4he, Bewegung und scheinbarer Unordnung gearbeitet hat. Das kontrollierte Chaos Bei Kleins Bildern k\u00f6nnte leicht der Eindruck entstehen, man m\u00fcsse nur m\u00f6glichst nah herangehen, die Kamera etwas schief halten und ein wenig Unsch\u00e4rfe zulassen \u2013 schon habe man den typischen William-Klein-Look. So einfach ist es nat\u00fcrlich nicht. Denn Chaos allein ergibt noch kein interessantes Foto. Klein kam aus der Malerei und der grafischen Gestaltung. Hinter der scheinbaren Unordnung seiner Bilder steckt ein ausgepr\u00e4gtes Bewusstsein f\u00fcr Fl\u00e4chen, Kontraste, Bewegung und Bildrhythmus. Dabei spielte auch der Zufall eine Rolle. Aber Klein \u00fcberlie\u00df ihm nicht einfach die gesamte Fotografie. Das ist ein spannender Gedanke. Fotografie muss nicht bedeuten, s\u00e4mtliche Bedingungen zu kontrollieren. Man kann Bedingungen schaffen, unter denen etwas Unvorhergesehenes passieren darf \u2013 und anschlie\u00dfend schnell genug reagieren. Vielleicht l\u00e4sst sich Kleins Arbeitsweise deshalb besser als organisiertes Chaos verstehen. Nicht alles im Bild ist geplant. Aber der Fotograf ist bereit f\u00fcr das, was passiert. Von der Stra\u00dfe zur Mode \u2013 und wieder zur\u00fcck Klein ausschlie\u00dflich als Street Photographer zu betrachten, w\u00fcrde seinem Werk allerdings nicht gerecht. Parallel arbeitete er viele Jahre als Modefotograf f\u00fcr Vogue. Auch dort brachte er Bewegung in ein Genre, das stark von kontrollierten Studiosituationen gepr\u00e4gt war. Models tauchten bei ihm mitten im Stra\u00dfenleben auf oder wurden Teil ungew\u00f6hnlicher grafischer und fotografischer Inszenierungen. Ein bekanntes Beispiel ist \u201eSimone + Nina, Piazza di Spagna, Rome\u201c von 1960. Mode und st\u00e4dtischer Alltag befinden sich darin im selben Bildraum. Klein behandelte die unterschiedlichen Bereiche seines Schaffens ohnehin nicht als streng voneinander getrennte Welten. Malerei, Grafik, Fotografie, Buchgestaltung und sp\u00e4ter Film beeinflussten sich gegenseitig. Gerade diese Vielseitigkeit macht eine eindeutige Einordnung schwierig \u2013 und interessant. Das International Center of Photography widmete ihm 2022 mit \u201eWilliam Klein: YES; Photographs, Paintings, Films, 1948\u20132013\u201c eine gro\u00dfe Retrospektive mit Arbeiten aus rund sechs Jahrzehnten. Schon der Titel macht deutlich, wie wenig Klein auf die Rolle des Stra\u00dfenfotografen reduziert werden kann. Fotografie muss nicht perfekt aussehen, um pr\u00e4zise zu sein Hier liegt f\u00fcr mich eine der interessantesten Seiten von William Klein. Heute k\u00f6nnen unsere Kameras technische Probleme l\u00f6sen, von denen Fotografen der 1950er-Jahre nur tr\u00e4umen konnten. Der Autofokus verfolgt Augen, hohe ISO-Werte liefern erstaunlich brauchbare Ergebnisse und eine moderne Bildstabilisierung kann Verwacklungen verhindern, bei denen fr\u00fcher kaum noch an eine scharfe Aufnahme zu denken gewesen w\u00e4re. Das alles ist gro\u00dfartig. Aber keine dieser Funktionen beantwortet die entscheidende Frage: Wie soll sich mein Bild anf\u00fchlen? Kleins Fotografien zeigen sehr deutlich, dass technische Perfektion und fotografische Wirkung zwei unterschiedliche Dinge sind. Ein unscharfes Foto ist deshalb nat\u00fcrlich nicht automatisch ein gutes Foto. K\u00f6rnung macht ein belangloses Motiv nicht interessant. Und ein schiefer Horizont verwandelt eine beliebige Stra\u00dfenszene noch lange nicht in Street Photography. Das w\u00e4re die falsche Lehre aus seinem Werk. Die interessantere lautet: Ein sogenannter technischer Fehler kann funktionieren, wenn er die Bildwirkung unterst\u00fctzt. Bewegungsunsch\u00e4rfe kann Bewegung sp\u00fcrbar machen. Grobes Korn kann eine Bildfl\u00e4che zusammenhalten. Ein extremes Weitwinkel kann r\u00e4umliche N\u00e4he verst\u00e4rken. Ein angeschnittener Mensch kann das Gef\u00fchl erzeugen, dass die Welt au\u00dferhalb des Bildrandes einfach weitergeht. Dann ist die Abweichung von technischer Perfektion kein Selbstzweck. Sie hat eine Aufgabe. Was Du von William Klein ausprobieren kannst Du musst Kleins Stil nicht imitieren, um etwas aus seiner Fotografie mitzunehmen. Stell Dir beispielsweise vor, Du fotografierst auf einem belebten Stra\u00dfenfest. Du k\u00f6nntest am Rand stehen, ein Teleobjektiv verwenden und einzelne Situationen aus sicherer Entfernung herausl\u00f6sen. Das kann sehr gute Bilder ergeben. Du k\u00f6nntest aber auch bewusst eine andere Entscheidung treffen. Nimm eine kurze Brennweite und bewege Dich n\u00e4her an das Geschehen. Lass Menschen im Vordergrund auftauchen. Warte nicht darauf, dass der Hintergrund endlich ordentlich aussieht. Nutze Schilder, Gesichter, Bewegungen und \u00dcberschneidungen als Teil der Komposition. Und wenn jemand auf Deine Kamera reagiert, muss damit das Foto nicht zwangsl\u00e4ufig verloren sein. Pl\u00f6tzlich dokumentierst Du nicht nur, was dort passiert. Das Bild kann vermitteln, wie es sich angef\u00fchlt hat, dort zu sein. Nat\u00fcrlich geh\u00f6rt gerade bei der Street Photography ein respektvoller Umgang mit den fotografierten Menschen dazu. N\u00e4he ist kein Freibrief. Auch darin unterscheidet sich unsere heutige Auseinandersetzung mit historischen Vorbildern vom blo\u00dfen Nachahmen ihrer Arbeitsweise. Nicht den Fehler kopieren, sondern die Freiheit verstehen An William Kleins Fotografien gefallen mir weniger die offensichtlichen Stilmerkmale als die Haltung dahinter. Denn man k\u00f6nnte seine Bilder leicht auf ein Rezept reduzieren: Weitwinkel, Schwarzwei\u00df, Korn, hoher Kontrast, N\u00e4he, etwas Bewegungsunsch\u00e4rfe \u2013 fertig ist William Klein. Nur w\u00fcrde dabei gerade das verloren gehen, was seine Arbeit spannend macht. Klein entwickelte seine Bildsprache aus einer bestimmten Situation, seiner k\u00fcnstlerischen Herkunft und seiner eigenen Art, auf die moderne Gro\u00dfstadt zu reagieren. Er kopierte keinen \u201eStreet-Look\u201c. Er suchte nach einer visuellen Sprache f\u00fcr das, was ihn umgab. Genau darin liegt f\u00fcr mich der zeitgem\u00e4\u00dfe Gedanke. Wir verf\u00fcgen heute \u00fcber Kameras, Objektive, Filmsimulationen, Presets und Bearbeitungsprogramme, mit denen sich beinahe jeder historische Look \u00fcberzeugend nachbauen l\u00e4sst. Die spannendere Frage ist aber nicht: Wie bekomme ich meine Bilder dazu, wie William Klein auszusehen? Sondern: Wie finde ich eine Bildsprache, die zu dem passt, was ich selbst zeigen m\u00f6chte? William Klein starb 2022 in Paris. Sein Werk l\u00e4sst sich kaum auf Street Photography reduzieren: Er war Maler, Fotograf, Grafiker, Buchgestalter und Filmemacher und bewegte sich immer wieder zwischen diesen Bereichen. F\u00fcr die Fotografie bleibt vor allem seine Bereitschaft wichtig, Vorstellungen von technischer und gestalterischer Korrektheit infrage zu stellen. Nicht, weil Regeln grunds\u00e4tzlich schlecht w\u00e4ren. Und auch nicht, weil Unsch\u00e4rfe interessanter w\u00e4re als Sch\u00e4rfe. Sondern weil ein Foto am Ende nicht daf\u00fcr da ist, zu beweisen, dass die Kamera korrekt bedient wurde. Es soll etwas zeigen, erz\u00e4hlen oder sp\u00fcrbar machen. Und manchmal darf es daf\u00fcr sogar ein bisschen unordentlich werden. Quellen und weiterf\u00fchrende Informationen Beitragsbild mit KI erstellt &#8211; Das eigens f\u00fcr diesen Beitrag erstellte Schwarzwei\u00dfmotiv greift nicht eines von Kleins historischen Fotos auf, sondern \u00fcbersetzt einige der Themen des Artikels visuell: N\u00e4he, Gro\u00dfstadt, Weitwinkel, Kontrast und die unmittelbare Pr\u00e4senz des Fotografen. International Center of Photography (ICP)Biografische Informationen zu William Klein, seinem fotografischen Werk sowie zur Retrospektive William Klein: YES; Photographs, Paintings, Films, 1948\u20132013. Centre Pompidou, ParisInformationen zu Kleins Fotografie, Film, Malerei und seiner multidisziplin\u00e4ren Arbeitsweise. National Gallery of Art, WashingtonSammlung mit Arbeiten William Kleins, darunter Boy + Gun + Girl, New York sowie weitere Fotografien aus seinem Werk.<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":12659,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[41],"tags":[654,651,613,652,92,403,653,650],"class_list":["post-12656","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-fotografie-blog","tag-fotobuch","tag-fotografen","tag-fotografiegeschichte","tag-new-york","tag-schwarzweissfotografie","tag-strassenfotografie","tag-street-photography","tag-william-klein"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.3 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>William Klein \u2013 Fotografie zwischen N\u00e4he, Chaos und Freiheit - Fotografie &amp; Vinyl<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"William Klein stellte viele fotografische Konventionen infrage. 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