{"id":12316,"date":"2026-08-10T14:35:34","date_gmt":"2026-08-10T12:35:34","guid":{"rendered":"https:\/\/juergenpubanz.de\/?p=12316"},"modified":"2026-08-10T14:35:38","modified_gmt":"2026-08-10T12:35:38","slug":"allein-mit-der-kamera-warum-raymond-depardon-die-einsamkeit-zur-fotografie-zaehlt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/allein-mit-der-kamera-warum-raymond-depardon-die-einsamkeit-zur-fotografie-zaehlt\/","title":{"rendered":"Allein mit der Kamera \u2013 warum Raymond Depardon die Einsamkeit zur Fotografie z\u00e4hlt"},"content":{"rendered":"<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<h2 class=\"wp-block-heading\">&#8222;<strong>Il faut aimer la solitude pour \u00eatre photographe.<\/strong>&#8222;<br>Raymond Depardon<\/h2>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sinngem\u00e4\u00dfe deutsche \u00dcbersetzung: <strong>\u201eMan muss die Einsamkeit lieben, um Fotograf zu werden.\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Satz, der zun\u00e4chst ziemlich absolut klingt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Muss ein Fotograf wirklich die Einsamkeit lieben?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf den ersten Blick klingt Raymond Depardons Satz fast wie eine Zugangsvoraussetzung f\u00fcr die Fotografie. Wer gerne allein ist, darf hinein. Wer lieber mit anderen Menschen unterwegs ist, hat offenbar den falschen Beruf oder das falsche Hobby gew\u00e4hlt. So w\u00f6rtlich w\u00fcrde ich den Satz allerdings nicht verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn Einsamkeit bedeutet beim Fotografieren nicht zwangsl\u00e4ufig, dass niemand sonst da sein darf. Du kannst mitten auf einer belebten Stra\u00dfe stehen, auf einer Hochzeit fotografieren oder durch einen Bahnhof voller Menschen laufen \u2013 und trotzdem in diesem Moment auf eine eigent\u00fcmliche Weise allein sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du entscheidest, wohin Du schaust. Du entscheidest, wann Du ausl\u00f6st. Und letztlich bist auch nur Du daf\u00fcr verantwortlich, was innerhalb des Bildrahmens landet und was drau\u00dfen bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht beginnt genau dort die Einsamkeit, von der Depardon spricht.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Raymond Depardon und die Erfahrung des Alleinseins<\/h2>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Raymond Depardon, 1942 auf einem Bauernhof bei Villefranche-sur-Sa\u00f4ne geboren, geh\u00f6rt zu den bedeutenden franz\u00f6sischen Fotografen und Dokumentarfilmern. Schon als Kind entdeckte er die Fotografie; seine ersten Motive fand er auf dem elterlichen Hof und in dessen l\u00e4ndlicher Umgebung. Sp\u00e4ter arbeitete er als Fotojournalist, gr\u00fcndete 1966 gemeinsam mit anderen Fotografen die Agentur Gamma und begann 1978 f\u00fcr Magnum Photos zu arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seine Biografie ist deshalb interessant, weil sein Satz \u00fcber die Einsamkeit nicht isoliert dasteht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um das Jahr 2000 besch\u00e4ftigte sich Depardon intensiv mit dem Gedanken der <em>Errance<\/em> \u2013 einem franz\u00f6sischen Begriff, der sich nur unvollst\u00e4ndig mit \u201eUmherstreifen\u201c oder \u201eWandern\u201c \u00fcbersetzen l\u00e4sst. Daraus entstand auch sein Buch <em>Errance<\/em>.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"428\" height=\"576\" src=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Depardon_2012-e1786363048106.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12318\" style=\"aspect-ratio:0.7430848433727931;width:240px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Depardon_2012-e1786363048106.jpg 428w, https:\/\/juergenpubanz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Depardon_2012-e1786363048106-297x400.jpg 297w, https:\/\/juergenpubanz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Depardon_2012-e1786363048106-9x12.jpg 9w\" sizes=\"auto, (max-width: 428px) 100vw, 428px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Raymond Depardon (2012), Bild selbst, CC BY-SA 3.0<\/figcaption><\/figure>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dort spricht Depardon ausdr\u00fccklich dar\u00fcber, dass die Einsamkeit im Leben eines Fotografen sehr pr\u00e4sent sei. Er beschreibt sich selbst als jemanden, der schon fr\u00fch vieles allein gemacht habe, und verbindet diese Erfahrung sp\u00e4ter mit der Einsamkeit des jungen Fotografen in Paris und des reisenden Fotoreporters. Eine wissenschaftliche Ver\u00f6ffentlichung \u00fcber Depardons Werk zitiert genau diese Passage aus <em>Errance<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der bekannte kurze Satz selbst wird au\u00dferdem mit seinem Auftritt in der franz\u00f6sischen Fernsehsendung <em>Bouillon de culture<\/em> vom 24. November 2000 in Verbindung gebracht. Eine vollst\u00e4ndige Prim\u00e4raufzeichnung dieser Sendung konnte ich bei der Recherche allerdings nicht verifizieren. Der Wortlaut und die Zuschreibung sind dennoch gut nachvollziehbar, weil derselbe Gedanke ausf\u00fchrlicher auch in <em>Errance<\/em> dokumentiert ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das macht einen wichtigen Unterschied: Wir haben es nicht einfach mit einem h\u00fcbschen Satz zu tun, der irgendwann im Internet Raymond Depardon zugeschrieben wurde. Die Einsamkeit geh\u00f6rt tats\u00e4chlich zu den Gedanken, mit denen er sich in dieser Phase seiner Arbeit besch\u00e4ftigt hat.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was steckt hinter den Worten?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Interessant wird das Zitat, wenn wir \u201eEinsamkeit\u201c nicht automatisch mit sozialer Isolation gleichsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor dem Hintergrund von Depardons Arbeit l\u00e4sst sich der Satz vielmehr als Beschreibung eines fotografischen Zustands verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fotografieren verlangt eine Form von Eigenst\u00e4ndigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niemand kann Dir sagen, was Du in einer bestimmten Sekunde interessant finden sollst. Nat\u00fcrlich kannst Du Regeln lernen. Du kannst Dir Bilder anderer Fotografen ansehen, Workshops besuchen und Dich \u00fcber Bildgestaltung unterhalten. Doch in dem Augenblick, in dem Du durch den Sucher blickst, stehst Du mit Deiner Entscheidung allein da.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist das hier ein Bild?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oder drei Schritte weiter?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warte ich?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gehe ich weiter?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dr\u00fccke ich jetzt auf den Ausl\u00f6ser \u2013 oder gerade nicht?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei Depardon kommt noch etwas hinzu: das ziellose oder zumindest nicht vollst\u00e4ndig vorausgeplante Unterwegssein. Er beschreibt <em>Errance<\/em> nicht einfach als Reise oder Spaziergang, sondern als eine Erfahrung des Sichbewegens und des gegenw\u00e4rtigen Wahrnehmens. Die fotografische Situation entsteht dabei nicht zwangsl\u00e4ufig aus einem Auftrag oder einer vorher festgelegten Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade diese Haltung findet sich auch sp\u00e4ter in seinem Werk. F\u00fcr ein Projekt der Fondation Cartier beschrieb Depardon 2004 beispielsweise den Wunsch, seine professionelle Erfahrung gewisserma\u00dfen abzusch\u00fctteln und mit der Kamera wieder m\u00f6glichst frei zu reagieren \u2013 nicht aus einem vorgegebenen Grund heraus, sondern aus Motivation, Lust und dem Wunsch zu filmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Einsamkeit bekommt dadurch eine andere Bedeutung. Sie schafft Raum f\u00fcr den eigenen Blick.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Und was bedeutet das heute?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf den ersten Blick k\u00f6nnte man meinen, dieser Gedanke passe sogar noch besser zur heutigen Fotografie. Schlie\u00dflich kann praktisch jeder allein mit einer kleinen Digitalkamera oder einem Smartphone losziehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichzeitig hat sich etwas Entscheidendes ver\u00e4ndert. Fotografie ist heute h\u00e4ufig von permanenter Kommunikation begleitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir fotografieren ein Bild, schauen auf das Display, schicken es vielleicht weiter oder ver\u00f6ffentlichen es. Kurz darauf k\u00f6nnen Reaktionen eintreffen. Likes, Kommentare und Reichweitenstatistiken machen aus einer urspr\u00fcnglich pers\u00f6nlichen Entscheidung sehr schnell eine soziale Erfahrung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist nicht grunds\u00e4tzlich schlecht. Austausch kann inspirieren, Kritik kann weiterhelfen und gemeinsames Fotografieren kann gro\u00dfen Spa\u00df machen. Aber Depardons Satz bekommt dadurch eine interessante Aktualit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kannst Du ein Bild machen, ohne bereits w\u00e4hrend der Aufnahme dar\u00fcber nachzudenken, wie andere darauf reagieren werden?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kannst Du einem Motiv zehn Minuten Aufmerksamkeit schenken, obwohl vermutlich niemand au\u00dfer Dir versteht, warum es Dich interessiert?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und kannst Du weitergehen, ohne \u00fcberhaupt ein Foto gemacht zu haben?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Moderne Kameras nehmen uns viele technische Entscheidungen ab. Autofokus, Belichtungsautomatik, Motiverkennung und Bildstabilisierung sorgen daf\u00fcr, dass wir uns st\u00e4rker auf das Motiv konzentrieren k\u00f6nnen. Aber keine dieser Funktionen beantwortet die entscheidende Frage:<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was interessiert Dich eigentlich?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit bist Du auch 2026 noch ziemlich allein.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Spaziergang ohne fotografischen Auftrag<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stell Dir vor, Du gehst an einem Sonntagmorgen mit Deiner Kamera durch eine Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kein Fotowalk. Keine Gruppe. Keine Liste mit Motiven, die Du unbedingt mitbringen m\u00f6chtest. Und auch kein selbst auferlegtes Ziel, am Ende zehn gute Bilder auf der Speicherkarte haben zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du gehst einfach. Nach einer Weile f\u00e4llt Dir eine Bushaltestelle auf. Das Licht f\u00e4llt schr\u00e4g durch das Glas. Eine Person sitzt dort und wartet. Vielleicht passiert nichts. Du bleibst trotzdem. Nach zwei Minuten steht die Person auf. Ein Bus f\u00e4hrt vorbei, ohne anzuhalten. F\u00fcr einen Augenblick spiegelt sich die gegen\u00fcberliegende H\u00e4userzeile in der Scheibe, w\u00e4hrend dahinter die wartende Person zu erkennen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt machst Du ein Bild.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob es ein gutes Bild geworden ist, wei\u00dft Du noch nicht. Vielleicht stellst Du sp\u00e4ter fest, dass es \u00fcberhaupt nicht funktioniert. Aber w\u00e4hrend dieser Minuten warst Du fotografisch vollkommen bei Dir. Niemand hat Dir gesagt, dass diese Bushaltestelle interessant ist. Kein Algorithmus hat Dir das Motiv vorgeschlagen. Du hast nicht fotografiert, weil dort etwas Spektakul\u00e4res passiert ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du hast hingesehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau darin liegt f\u00fcr mich eine m\u00f6gliche heutige Bedeutung von Depardons Einsamkeit.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mein Blick auf das Zitat<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dem Wort \u201emuss\u201c habe ich bei diesem Zitat trotzdem meine Schwierigkeiten. Man muss die Einsamkeit nicht lieben, um Fotograf zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt wunderbare Fotografen, deren Arbeit gerade aus Begegnung, Zusammenarbeit und Kommunikation entsteht. Portr\u00e4tfotografie kann von einem intensiven Austausch zwischen zwei Menschen leben. Reportagefotografie braucht N\u00e4he und Vertrauen. Selbst Streetfotografie muss nicht zwingend eine einsame Besch\u00e4ftigung sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deshalb w\u00fcrde ich Depardons Satz nicht als Regel \u00fcber Fotografen verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mich \u00fcberzeugt vielmehr ein anderer Gedanke darin: <strong>Du solltest aushalten k\u00f6nnen, mit Deinem eigenen Blick allein zu sein.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist etwas anderes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fotografie braucht nicht zwangsl\u00e4ufig Einsamkeit. Sie braucht aber Momente, in denen Du nicht st\u00e4ndig nach Best\u00e4tigung suchst. Momente, in denen ein Motiv interessant sein darf, obwohl niemand neben Dir begeistert ruft: \u201eDas musst Du fotografieren!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht liegt darin sogar eine kleine fotografische Freiheit: Du darfst Bilder machen, die zun\u00e4chst nur f\u00fcr Dich eine Bedeutung besitzen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Vielleicht m\u00fcssen wir die Einsamkeit gar nicht lieben<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Raymond Depardons Satz klingt zun\u00e4chst gr\u00f6\u00dfer und endg\u00fcltiger, als ich ihn heute lesen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fotografie kann ein ausgesprochen gemeinschaftliches Medium sein. Sie kann Menschen zusammenbringen, Gespr\u00e4che er\u00f6ffnen und von Begegnungen leben. Deshalb glaube ich nicht, dass Einsamkeit eine Voraussetzung daf\u00fcr ist, ein guter Fotograf zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und trotzdem steckt f\u00fcr mich etwas Wichtiges in Depardons Gedanken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn irgendwann gibt es beim Fotografieren diesen Moment, in dem nur noch z\u00e4hlt, was Du selbst siehst. Niemand kann Dir sagen, warum gerade dieses Licht, diese unscheinbare Stra\u00dfenecke oder diese fl\u00fcchtige Geste Deine Aufmerksamkeit verdient. Du musst auch niemanden davon \u00fcberzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht ist es genau diese Form des Alleinseins, die Depardon meint: die Bereitschaft, dem eigenen Blick zu vertrauen und ihm Zeit zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man muss die Einsamkeit also vielleicht nicht lieben, um Fotograf zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Aber man sollte sich in der eigenen Gesellschaft nicht langweilen, wenn man mit einer Kamera unterwegs ist.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Quellen und weiterf\u00fchrende Informationen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zur Herkunft des Zitats:<\/strong> Der Satz <strong>\u201eIl faut aimer la solitude pour \u00eatre photographe\u201c<\/strong> ist Raymond Depardon gut belegt zuzuordnen. Besonders wichtig ist, dass er nicht nur als isoliertes Zitat \u00fcberliefert ist: In <em>Errance<\/em> findet sich die ausf\u00fchrlichere Passage \u00fcber die gro\u00dfe Bedeutung der Einsamkeit im Leben des Fotografen. Diese Passage wird auch in einer wissenschaftlichen Ver\u00f6ffentlichung der Presses universitaires Blaise-Pascal mit genauer Quellenangabe zu <em>Errance<\/em> zitiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daneben wird der kurze Wortlaut h\u00e4ufig mit Depardons Auftritt in der franz\u00f6sischen Fernsehsendung <em>Bouillon de culture<\/em> im Jahr 2000 in Verbindung gebracht. Sekund\u00e4rquellen nennen daf\u00fcr konkret die Sendung vom 24. November 2000. Eine verl\u00e4ssliche Prim\u00e4rquelle beziehungsweise eine zug\u00e4ngliche Originalaufzeichnung dieser Sendung konnte ich jedoch nicht verifizieren. Deshalb w\u00fcrde ich <em>Errance<\/em> als belastbarere Grundlage f\u00fcr die Einordnung des Zitats verwenden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Raymond Depardon: <\/strong><em><strong>Errance<\/strong><\/em><strong>. \u00c9ditions du Seuil, Paris 2000.<\/strong><br>Die wichtigste Quelle f\u00fcr den Zusammenhang zwischen Depardons fotografischer Arbeit, dem Umherstreifen (<em>Errance<\/em>) und der Einsamkeit des Fotografen. Der im Beitrag behandelte Gedanke findet sich dort ausf\u00fchrlicher im Kontext seiner eigenen Erfahrungen mit dem Alleinsein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><a href=\"https:\/\/books.openedition.org\/pubp\/2980\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Presses universitaires Blaise-Pascal \u2013 Pascal Desmichel:<\/a> \u201eRaymond Depardon, ou le terrain vague comme (autre) mani\u00e8re d\u2019\u00eatre au monde\u201c<\/strong><br>Die wissenschaftliche Ver\u00f6ffentlichung besch\u00e4ftigt sich mit Depardons <em>Errance<\/em> und zitiert die entsprechende Passage aus dem Buch: \u201eLa solitude est tr\u00e8s pr\u00e9sente dans la vie du photographe. Il faut aimer la solitude pour \u00eatre photographe.\u201c Damit l\u00e4sst sich der Satz unmittelbar in den gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang von Depardons Gedanken zur Einsamkeit und seiner fotografischen Haltung einordnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><a href=\"https:\/\/www.fondationcartier.com\/en\/collection\/artists\/raymond-depardon\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Fondation Cartier pour l\u2019art contemporain \u2013 Raymond Depardon<\/a><\/strong><br>Biografische und werkbezogene Informationen zu Depardons Herkunft, seinen Anf\u00e4ngen als Fotograf, seiner Arbeit als Fotojournalist sowie zu Gamma, Magnum und sp\u00e4teren fotografischen Projekten. Die Fondation Cartier hat mehrfach mit Depardon zusammengearbeitet und geh\u00f6rt deshalb zu den besonders relevanten institutionellen Quellen zu seinem Werk.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><a href=\"https:\/\/depardoncineaste.com\/biographie\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Raymond Depardon &amp; Claudine Nougaret \u2013 offizielle Website<\/a><\/strong><br>Die ausf\u00fchrliche Biografie dokumentiert Depardons fotografischen und filmischen Werdegang von seinen ersten Aufnahmen auf dem elterlichen Bauernhof \u00fcber seine Arbeit als Fotojournalist bis zu seinen sp\u00e4teren Film- und Fotoprojekten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Il faut aimer la solitude pour \u00eatre photographe.&#8222;Raymond Depardon Sinngem\u00e4\u00dfe deutsche \u00dcbersetzung: \u201eMan muss die Einsamkeit lieben, um Fotograf zu werden.\u201c Ein Satz, der zun\u00e4chst ziemlich absolut klingt Muss ein Fotograf wirklich die Einsamkeit lieben? Auf den ersten Blick klingt Raymond Depardons Satz fast wie eine Zugangsvoraussetzung f\u00fcr die Fotografie. Wer gerne allein ist, darf hinein. Wer lieber mit anderen Menschen unterwegs ist, hat offenbar den falschen Beruf oder das falsche Hobby gew\u00e4hlt. So w\u00f6rtlich w\u00fcrde ich den Satz allerdings nicht verstehen. Denn Einsamkeit bedeutet beim Fotografieren nicht zwangsl\u00e4ufig, dass niemand sonst da sein darf. Du kannst mitten auf einer belebten Stra\u00dfe stehen, auf einer Hochzeit fotografieren oder durch einen Bahnhof voller Menschen laufen \u2013 und trotzdem in diesem Moment auf eine eigent\u00fcmliche Weise allein sein. Du entscheidest, wohin Du schaust. Du entscheidest, wann Du ausl\u00f6st. Und letztlich bist auch nur Du daf\u00fcr verantwortlich, was innerhalb des Bildrahmens landet und was drau\u00dfen bleibt. Vielleicht beginnt genau dort die Einsamkeit, von der Depardon spricht. Raymond Depardon und die Erfahrung des Alleinseins Raymond Depardon, 1942 auf einem Bauernhof bei Villefranche-sur-Sa\u00f4ne geboren, geh\u00f6rt zu den bedeutenden franz\u00f6sischen Fotografen und Dokumentarfilmern. Schon als Kind entdeckte er die Fotografie; seine ersten Motive fand er auf dem elterlichen Hof und in dessen l\u00e4ndlicher Umgebung. Sp\u00e4ter arbeitete er als Fotojournalist, gr\u00fcndete 1966 gemeinsam mit anderen Fotografen die Agentur Gamma und begann 1978 f\u00fcr Magnum Photos zu arbeiten. Seine Biografie ist deshalb interessant, weil sein Satz \u00fcber die Einsamkeit nicht isoliert dasteht. Um das Jahr 2000 besch\u00e4ftigte sich Depardon intensiv mit dem Gedanken der Errance \u2013 einem franz\u00f6sischen Begriff, der sich nur unvollst\u00e4ndig mit \u201eUmherstreifen\u201c oder \u201eWandern\u201c \u00fcbersetzen l\u00e4sst. Daraus entstand auch sein Buch Errance. Dort spricht Depardon ausdr\u00fccklich dar\u00fcber, dass die Einsamkeit im Leben eines Fotografen sehr pr\u00e4sent sei. Er beschreibt sich selbst als jemanden, der schon fr\u00fch vieles allein gemacht habe, und verbindet diese Erfahrung sp\u00e4ter mit der Einsamkeit des jungen Fotografen in Paris und des reisenden Fotoreporters. Eine wissenschaftliche Ver\u00f6ffentlichung \u00fcber Depardons Werk zitiert genau diese Passage aus Errance. Der bekannte kurze Satz selbst wird au\u00dferdem mit seinem Auftritt in der franz\u00f6sischen Fernsehsendung Bouillon de culture vom 24. November 2000 in Verbindung gebracht. Eine vollst\u00e4ndige Prim\u00e4raufzeichnung dieser Sendung konnte ich bei der Recherche allerdings nicht verifizieren. Der Wortlaut und die Zuschreibung sind dennoch gut nachvollziehbar, weil derselbe Gedanke ausf\u00fchrlicher auch in Errance dokumentiert ist. Das macht einen wichtigen Unterschied: Wir haben es nicht einfach mit einem h\u00fcbschen Satz zu tun, der irgendwann im Internet Raymond Depardon zugeschrieben wurde. Die Einsamkeit geh\u00f6rt tats\u00e4chlich zu den Gedanken, mit denen er sich in dieser Phase seiner Arbeit besch\u00e4ftigt hat. Was steckt hinter den Worten? Interessant wird das Zitat, wenn wir \u201eEinsamkeit\u201c nicht automatisch mit sozialer Isolation gleichsetzen. Vor dem Hintergrund von Depardons Arbeit l\u00e4sst sich der Satz vielmehr als Beschreibung eines fotografischen Zustands verstehen. Fotografieren verlangt eine Form von Eigenst\u00e4ndigkeit. Niemand kann Dir sagen, was Du in einer bestimmten Sekunde interessant finden sollst. Nat\u00fcrlich kannst Du Regeln lernen. Du kannst Dir Bilder anderer Fotografen ansehen, Workshops besuchen und Dich \u00fcber Bildgestaltung unterhalten. Doch in dem Augenblick, in dem Du durch den Sucher blickst, stehst Du mit Deiner Entscheidung allein da. Ist das hier ein Bild? Oder drei Schritte weiter? Warte ich? Gehe ich weiter? Dr\u00fccke ich jetzt auf den Ausl\u00f6ser \u2013 oder gerade nicht? Bei Depardon kommt noch etwas hinzu: das ziellose oder zumindest nicht vollst\u00e4ndig vorausgeplante Unterwegssein. Er beschreibt Errance nicht einfach als Reise oder Spaziergang, sondern als eine Erfahrung des Sichbewegens und des gegenw\u00e4rtigen Wahrnehmens. Die fotografische Situation entsteht dabei nicht zwangsl\u00e4ufig aus einem Auftrag oder einer vorher festgelegten Geschichte. Gerade diese Haltung findet sich auch sp\u00e4ter in seinem Werk. F\u00fcr ein Projekt der Fondation Cartier beschrieb Depardon 2004 beispielsweise den Wunsch, seine professionelle Erfahrung gewisserma\u00dfen abzusch\u00fctteln und mit der Kamera wieder m\u00f6glichst frei zu reagieren \u2013 nicht aus einem vorgegebenen Grund heraus, sondern aus Motivation, Lust und dem Wunsch zu filmen. Die Einsamkeit bekommt dadurch eine andere Bedeutung. Sie schafft Raum f\u00fcr den eigenen Blick. Und was bedeutet das heute? Auf den ersten Blick k\u00f6nnte man meinen, dieser Gedanke passe sogar noch besser zur heutigen Fotografie. Schlie\u00dflich kann praktisch jeder allein mit einer kleinen Digitalkamera oder einem Smartphone losziehen. Gleichzeitig hat sich etwas Entscheidendes ver\u00e4ndert. Fotografie ist heute h\u00e4ufig von permanenter Kommunikation begleitet. Wir fotografieren ein Bild, schauen auf das Display, schicken es vielleicht weiter oder ver\u00f6ffentlichen es. Kurz darauf k\u00f6nnen Reaktionen eintreffen. Likes, Kommentare und Reichweitenstatistiken machen aus einer urspr\u00fcnglich pers\u00f6nlichen Entscheidung sehr schnell eine soziale Erfahrung. Das ist nicht grunds\u00e4tzlich schlecht. Austausch kann inspirieren, Kritik kann weiterhelfen und gemeinsames Fotografieren kann gro\u00dfen Spa\u00df machen. Aber Depardons Satz bekommt dadurch eine interessante Aktualit\u00e4t. Kannst Du ein Bild machen, ohne bereits w\u00e4hrend der Aufnahme dar\u00fcber nachzudenken, wie andere darauf reagieren werden? Kannst Du einem Motiv zehn Minuten Aufmerksamkeit schenken, obwohl vermutlich niemand au\u00dfer Dir versteht, warum es Dich interessiert? Und kannst Du weitergehen, ohne \u00fcberhaupt ein Foto gemacht zu haben? Moderne Kameras nehmen uns viele technische Entscheidungen ab. Autofokus, Belichtungsautomatik, Motiverkennung und Bildstabilisierung sorgen daf\u00fcr, dass wir uns st\u00e4rker auf das Motiv konzentrieren k\u00f6nnen. Aber keine dieser Funktionen beantwortet die entscheidende Frage: Was interessiert Dich eigentlich? Damit bist Du auch 2026 noch ziemlich allein. Ein Spaziergang ohne fotografischen Auftrag Stell Dir vor, Du gehst an einem Sonntagmorgen mit Deiner Kamera durch eine Stadt. Kein Fotowalk. Keine Gruppe. Keine Liste mit Motiven, die Du unbedingt mitbringen m\u00f6chtest. Und auch kein selbst auferlegtes Ziel, am Ende zehn gute Bilder auf der Speicherkarte haben zu m\u00fcssen. Du gehst einfach. Nach einer Weile f\u00e4llt Dir eine Bushaltestelle auf. Das Licht f\u00e4llt schr\u00e4g durch das Glas. Eine Person sitzt dort und wartet. Vielleicht passiert nichts. Du bleibst trotzdem. Nach zwei Minuten steht die Person auf. Ein Bus f\u00e4hrt vorbei, ohne anzuhalten. F\u00fcr einen Augenblick spiegelt sich die gegen\u00fcberliegende H\u00e4userzeile in der Scheibe, w\u00e4hrend dahinter die wartende Person zu erkennen ist. Jetzt machst Du ein Bild. Ob es ein gutes Bild geworden ist, wei\u00dft Du noch nicht. Vielleicht stellst Du sp\u00e4ter fest, dass es \u00fcberhaupt nicht funktioniert. Aber w\u00e4hrend dieser Minuten warst Du fotografisch vollkommen bei Dir. Niemand hat Dir gesagt, dass diese Bushaltestelle interessant ist. Kein Algorithmus hat Dir das Motiv vorgeschlagen. Du hast nicht fotografiert, weil dort etwas Spektakul\u00e4res passiert ist. Du hast hingesehen. Genau darin liegt f\u00fcr mich eine m\u00f6gliche heutige Bedeutung von Depardons Einsamkeit. Mein Blick auf das Zitat Mit dem Wort \u201emuss\u201c habe ich bei diesem Zitat trotzdem meine Schwierigkeiten. Man muss die Einsamkeit nicht lieben, um Fotograf zu werden. Es gibt wunderbare Fotografen, deren Arbeit gerade aus Begegnung, Zusammenarbeit und Kommunikation entsteht. Portr\u00e4tfotografie kann von einem intensiven Austausch zwischen zwei Menschen leben. Reportagefotografie braucht N\u00e4he und Vertrauen. Selbst Streetfotografie muss nicht zwingend eine einsame Besch\u00e4ftigung sein. Deshalb w\u00fcrde ich Depardons Satz nicht als Regel \u00fcber Fotografen verstehen. Mich \u00fcberzeugt vielmehr ein anderer Gedanke darin: Du solltest aushalten k\u00f6nnen, mit Deinem eigenen Blick allein zu sein. Das ist etwas anderes. Fotografie braucht nicht zwangsl\u00e4ufig Einsamkeit. Sie braucht aber Momente, in denen Du nicht st\u00e4ndig nach Best\u00e4tigung suchst. Momente, in denen ein Motiv interessant sein darf, obwohl niemand neben Dir begeistert ruft: \u201eDas musst Du fotografieren!\u201c Vielleicht liegt darin sogar eine kleine fotografische Freiheit: Du darfst Bilder machen, die zun\u00e4chst nur f\u00fcr Dich eine Bedeutung besitzen. Vielleicht m\u00fcssen wir die Einsamkeit gar nicht lieben Raymond Depardons Satz klingt zun\u00e4chst gr\u00f6\u00dfer und endg\u00fcltiger, als ich ihn heute lesen w\u00fcrde. Fotografie kann ein ausgesprochen gemeinschaftliches Medium sein. Sie kann Menschen zusammenbringen, Gespr\u00e4che er\u00f6ffnen und von Begegnungen leben. Deshalb glaube ich nicht, dass Einsamkeit eine Voraussetzung daf\u00fcr ist, ein guter Fotograf zu sein. Und trotzdem steckt f\u00fcr mich etwas Wichtiges in Depardons Gedanken. Denn irgendwann gibt es beim Fotografieren diesen Moment, in dem nur noch z\u00e4hlt, was Du selbst siehst. Niemand kann Dir sagen, warum gerade dieses Licht, diese unscheinbare Stra\u00dfenecke oder diese fl\u00fcchtige Geste Deine Aufmerksamkeit verdient. Du musst auch niemanden davon \u00fcberzeugen. Vielleicht ist es genau diese Form des Alleinseins, die Depardon meint: die Bereitschaft, dem eigenen Blick zu vertrauen und ihm Zeit zu geben. Man muss die Einsamkeit also vielleicht nicht lieben, um Fotograf zu werden. Aber man sollte sich in der eigenen Gesellschaft nicht langweilen, wenn man mit einer Kamera unterwegs ist. Quellen und weiterf\u00fchrende Informationen Zur Herkunft des Zitats: Der Satz \u201eIl faut aimer la solitude pour \u00eatre photographe\u201c ist Raymond Depardon gut belegt zuzuordnen. Besonders wichtig ist, dass er nicht nur als isoliertes Zitat \u00fcberliefert ist: In Errance findet sich die ausf\u00fchrlichere Passage \u00fcber die gro\u00dfe Bedeutung der Einsamkeit im Leben des Fotografen. Diese Passage wird auch in einer wissenschaftlichen Ver\u00f6ffentlichung der Presses universitaires Blaise-Pascal mit genauer Quellenangabe zu Errance zitiert. Daneben wird der kurze Wortlaut h\u00e4ufig mit Depardons Auftritt in der franz\u00f6sischen Fernsehsendung Bouillon de culture im Jahr 2000 in Verbindung gebracht. Sekund\u00e4rquellen nennen daf\u00fcr konkret die Sendung vom 24. November 2000. Eine verl\u00e4ssliche Prim\u00e4rquelle beziehungsweise eine zug\u00e4ngliche Originalaufzeichnung dieser Sendung konnte ich jedoch nicht verifizieren. Deshalb w\u00fcrde ich Errance als belastbarere Grundlage f\u00fcr die Einordnung des Zitats verwenden. Raymond Depardon: Errance. \u00c9ditions du Seuil, Paris 2000.Die wichtigste Quelle f\u00fcr den Zusammenhang zwischen Depardons fotografischer Arbeit, dem Umherstreifen (Errance) und der Einsamkeit des Fotografen. Der im Beitrag behandelte Gedanke findet sich dort ausf\u00fchrlicher im Kontext seiner eigenen Erfahrungen mit dem Alleinsein. Presses universitaires Blaise-Pascal \u2013 Pascal Desmichel: \u201eRaymond Depardon, ou le terrain vague comme (autre) mani\u00e8re d\u2019\u00eatre au monde\u201cDie wissenschaftliche Ver\u00f6ffentlichung besch\u00e4ftigt sich mit Depardons Errance und zitiert die entsprechende Passage aus dem Buch: \u201eLa solitude est tr\u00e8s pr\u00e9sente dans la vie du photographe. Il faut aimer la solitude pour \u00eatre photographe.\u201c Damit l\u00e4sst sich der Satz unmittelbar in den gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang von Depardons Gedanken zur Einsamkeit und seiner fotografischen Haltung einordnen. Fondation Cartier pour l\u2019art contemporain \u2013 Raymond DepardonBiografische und werkbezogene Informationen zu Depardons Herkunft, seinen Anf\u00e4ngen als Fotograf, seiner Arbeit als Fotojournalist sowie zu Gamma, Magnum und sp\u00e4teren fotografischen Projekten. Die Fondation Cartier hat mehrfach mit Depardon zusammengearbeitet und geh\u00f6rt deshalb zu den besonders relevanten institutionellen Quellen zu seinem Werk. Raymond Depardon &amp; Claudine Nougaret \u2013 offizielle WebsiteDie ausf\u00fchrliche Biografie dokumentiert Depardons fotografischen und filmischen Werdegang von seinen ersten Aufnahmen auf dem elterlichen Bauernhof \u00fcber seine Arbeit als Fotojournalist bis zu seinen sp\u00e4teren Film- und Fotoprojekten.<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":12322,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[570],"tags":[588,587,9,575,27,589,514],"class_list":["post-12316","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-fotografie-zitate-gedanken-hinter-den-worten","tag-einsamkeit","tag-errance","tag-fotografie","tag-fotografie-zitate","tag-fotografischer-blick","tag-raymond-depardon","tag-streetfotografie"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Raymond Depardon: Muss ein Fotograf die Einsamkeit lieben? 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