{"id":12293,"date":"2026-08-10T13:09:10","date_gmt":"2026-08-10T11:09:10","guid":{"rendered":"https:\/\/juergenpubanz.de\/?p=12293"},"modified":"2026-08-10T13:09:14","modified_gmt":"2026-08-10T11:09:14","slug":"die-kunst-des-weglassens-was-k-c-cole-ueber-blende-pupille-und-fotografie-verraet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/die-kunst-des-weglassens-was-k-c-cole-ueber-blende-pupille-und-fotografie-verraet\/","title":{"rendered":"Die Kunst des Weglassens \u2013 was K. C. Cole \u00fcber Blende, Pupille und Fotografie verr\u00e4t"},"content":{"rendered":"<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u201eDie Blende einer Kamera und die Pupille sind nicht dazu da, Informationen hereinzulassen, sondern dazu, welche auszublenden.\u201c<br>K. C. Cole zugeschrieben<\/h2>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Manchmal entsteht ein Bild durch das, was fehlt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn wir \u00fcber eine Blende sprechen, geht es meistens um Licht. Gro\u00dfe Blende, kleine Blendenzahl, viel Licht. Kleine Blende, gro\u00dfe Blendenzahl, wenig Licht. Dazu kommen Sch\u00e4rfentiefe und Beugung, und schon befinden wir uns mitten in der Fototechnik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Zitat von K. C. Cole lenkt den Blick jedoch in eine andere Richtung. Pl\u00f6tzlich ist die Blende nicht mehr nur ein Bauteil zur Belichtungssteuerung, sondern wird zum Sinnbild f\u00fcr Auswahl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und Auswahl ist vielleicht eine der wichtigsten Eigenschaften der Fotografie \u00fcberhaupt. Denn w\u00e4hrend die Welt vor der Kamera praktisch grenzenlos erscheint, kann ein Foto immer nur einen winzigen Ausschnitt davon zeigen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wer ist K. C. Cole?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">K. C. Cole ist keine Fotografin, sondern eine amerikanische Wissenschaftsjournalistin und Autorin. Sie schrieb unter anderem f\u00fcr die <em>Los Angeles Times<\/em>, <em>The New York Times<\/em>, <em>The New Yorker<\/em> und <em>Discover<\/em> und besch\u00e4ftigte sich besonders mit Physik, Mathematik und menschlicher Wahrnehmung. Sp\u00e4ter lehrte sie auch Wissenschaftsjournalismus an der University of Southern California.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr das Zitat ist besonders interessant, dass Cole sich schon fr\u00fch mit Wahrnehmung besch\u00e4ftigte. 1978 erschien ihr Buch <em>Vision: In the Eye of the Beholder<\/em> im Umfeld des Exploratorium in San Francisco. Ihre Verbindung zu diesem Wissenschaftsmuseum und dessen Gr\u00fcnder, dem Physiker Frank Oppenheimer, pr\u00e4gte ihren weiteren Weg als Wissenschaftsautorin wesentlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit kommt der Satz urspr\u00fcnglich nicht aus der klassischen Fotolehre. Er passt vielmehr zu Coles Art, wissenschaftliche Zusammenh\u00e4nge mithilfe anschaulicher Vergleiche verst\u00e4ndlich zu machen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Sehen bedeutet auch ausw\u00e4hlen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Technisch betrachtet m\u00fcssen wir das Zitat zun\u00e4chst etwas relativieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich lassen Pupille und Kamerablende Licht herein. Genau das geh\u00f6rt zu ihrer Funktion. Die Iris ver\u00e4ndert die Gr\u00f6\u00dfe der Pupille und reguliert damit einen Teil der Lichtmenge, die das Auge erreicht. Bei einer Kamera begrenzt die Blende entsprechend das Lichtb\u00fcndel, das durch das Objektiv gelangt. Eine kleinere \u00d6ffnung l\u00e4sst weniger Licht passieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00f6rtlich genommen w\u00e4re die Aussage also zumindest missverst\u00e4ndlich. Interessanter wird sie, wenn wir \u201eInformation\u201c nicht rein physikalisch verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unser Sehen besteht schlie\u00dflich nicht darin, m\u00f6glichst viele optische Informationen ungefiltert aufzunehmen. Schon das Auge besitzt Grenzen, und unser Gehirn verarbeitet und gewichtet das Wahrgenommene zus\u00e4tzlich. Wahrnehmung bedeutet deshalb immer auch Auswahl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei der Fotografie wird dieser Gedanke noch deutlicher. Du stehst vielleicht vor einer belebten Stra\u00dfe. Vor Dir befinden sich Menschen, Autos, H\u00e4user, Schilder, Schatten, Spiegelungen, Wolken und unz\u00e4hlige kleine Details.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf Deinem fertigen Foto m\u00fcssen aber nicht alle diese Dinge dieselbe Bedeutung besitzen. Du entscheidest, worauf der Betrachter schaut.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die eigentliche Blende sitzt hinter der Kamera<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau hier wird das Zitat f\u00fcr mich fotografisch interessant. Denn die wichtigste Form des Weglassens findet streng genommen gar nicht an der mechanischen Blende statt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie beginnt bereits beim Standort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn Du einen Schritt nach links gehst, verschwindet vielleicht ein st\u00f6rendes Stra\u00dfenschild hinter einer Person. Gehst Du n\u00e4her heran, f\u00e4llt ein Teil der Umgebung aus dem Bild. \u00c4nderst Du die Brennweite oder den Bildausschnitt, entscheidest Du erneut, was innerhalb und was au\u00dferhalb des Rahmens liegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die Blende kann dabei gestalterisch helfen. Eine geringe Sch\u00e4rfentiefe kann den Hintergrund so weit in Unsch\u00e4rfe aufl\u00f6sen, dass er zwar noch vorhanden ist, aber weniger Aufmerksamkeit verlangt. Eine weit geschlossene Blende kann dagegen bewusst mehr r\u00e4umliche Information lesbar machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die fotografische Auswahl entsteht deshalb aus mehreren Entscheidungen gleichzeitig: Standort, Perspektive, Ausschnitt, Brennweite, Fokus, Sch\u00e4rfentiefe, Licht und schlie\u00dflich auch der Moment der Aufnahme.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fotografieren hei\u00dft eben nicht, alles zu zeigen, was vor der Kamera vorhanden ist. Es hei\u00dft, sich zu entscheiden, was f\u00fcr dieses eine Bild wichtig ist.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Heute k\u00f6nnen wir beinahe alles aufnehmen \u2013 und m\u00fcssen trotzdem ausw\u00e4hlen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Digitalkameras und Smartphones haben unsere technischen M\u00f6glichkeiten enorm erweitert. Speicherplatz kostet kaum noch etwas, moderne Sensoren bew\u00e4ltigen gro\u00dfe Helligkeitsunterschiede, RAW-Dateien lassen umfangreiche Korrekturen zu und wir k\u00f6nnen innerhalb weniger Minuten Hunderte Bilder aufnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das k\u00f6nnte den Eindruck vermitteln, wir m\u00fcssten uns beim Fotografieren weniger entscheiden. Eigentlich ist das Gegenteil der Fall. Je leichter es wird, Informationen aufzunehmen, desto wichtiger wird die Frage, welche davon \u00fcberhaupt etwas zum Bild beitragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das gilt sogar f\u00fcr die sp\u00e4tere Bearbeitung. Ein Sensor kann in einem Schatten noch erstaunlich viele Details gespeichert haben. Aber nur weil wir sie sichtbar machen k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir sie nicht sichtbar machen. Manchmal gewinnt ein Bild gerade dadurch, dass ein Schatten dunkel bleiben darf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Technische Information und fotografische Bedeutung sind eben nicht dasselbe.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Eine kleine Szene am Bahnhof<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stell Dir vor, Du wartest mit der Kamera auf einem Bahnsteig. Gegen\u00fcber sitzt eine einzelne Person auf einer Bank. Dahinter befinden sich Fahrpl\u00e4ne, Werbeplakate, ein Fahrkartenautomat und weitere Reisende. Technisch gesehen kann Deine Kamera das alles problemlos aufnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du hebst die Kamera. Im ersten Bild ist alles enthalten. Die Person. Die Bank. Die Werbung. Der Automat. Die anderen Reisenden. Das Foto zeigt viel \u2013 erz\u00e4hlt aber m\u00f6glicherweise wenig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann ver\u00e4nderst Du Deinen Standort ein St\u00fcck. Ein Pfeiler verdeckt den Fahrkartenautomaten. Du gehst etwas n\u00e4her heran. Die Werbung verschwindet aus dem Ausschnitt. Schlie\u00dflich wartest Du, bis die anderen Reisenden den Hintergrund verlassen haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt bleibt die Person auf der Bank. Vielleicht noch eine Uhr dar\u00fcber. Und pl\u00f6tzlich entsteht eine Geschichte \u00fcber Warten, Zeit oder Einsamkeit. Du hast dem Bild nichts hinzugef\u00fcgt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du hast etwas entfernt.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mein Blick auf das Zitat<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich mag den Gedanken hinter diesem Satz sehr, obwohl ich ihn technisch nicht w\u00f6rtlich nehmen w\u00fcrde. Eine Blende entscheidet zun\u00e4chst \u00fcber Licht, nicht dar\u00fcber, welche Motive in einem Foto vorkommen. Und auch die Pupille ist kein kleiner Redakteur, der unwichtige Bildinformationen aussortiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Metapher funktioniert der Satz f\u00fcr mich trotzdem erstaunlich gut. Vielleicht sogar deshalb, weil er den Blick von der \u00fcblichen Frage wegf\u00fchrt: \u201eWas kann meine Kamera alles erfassen?\u201c Mich interessiert beim Fotografieren viel mehr die umgekehrte Frage:<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was braucht dieses Bild wirklich?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade moderne Kameras verf\u00fchren uns manchmal dazu, m\u00f6glichst viel erhalten zu wollen. Zeichnung in den Lichtern, Zeichnung in den Schatten, maximale Sch\u00e4rfe, m\u00f6glichst viele Details. Aber ein gutes Foto muss nicht m\u00f6glichst viele Informationen transportieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es braucht die richtigen. Und manchmal muss daf\u00fcr etwas verschwinden.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fotografie beginnt mit Licht. Ein Bild entsteht aber nicht allein dadurch, dass wir m\u00f6glichst viel davon einfangen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir w\u00e4hlen einen Ausschnitt aus einer viel gr\u00f6\u00dferen Wirklichkeit. Wir entscheiden, was sichtbar bleibt, was unscharf wird und was au\u00dferhalb des Rahmens verschwindet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht liegt deshalb in K. C. Coles Gedanken eine Frage, die man sich vor dem Ausl\u00f6sen \u00f6fter stellen k\u00f6nnte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Nicht: Was kann ich noch ins Bild bekommen? Sondern: Was kann ich weglassen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Quellen und weiterf\u00fchrende Informationen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hinweis zur Quelle:<\/strong> Der Satz wird K. C. Cole zugeschrieben. Einen belastbaren Prim\u00e4rnachweis f\u00fcr genau diesen deutschen Wortlaut konnte ich bei der Recherche jedoch nicht finden. Auch eine eindeutig belegte englische Originalfassung lie\u00df sich nicht verifizieren. Deshalb sollte die Formulierung nicht als gesicherte w\u00f6rtliche \u00dcbersetzung eines englischen Originals verstanden werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><a href=\"https:\/\/www.quantamagazine.org\/authors\/k-c-cole\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">K. C. Cole \/ Quanta Magazine<\/a>:<\/strong> Autorenprofil mit Angaben zu ihrer T\u00e4tigkeit als Wissenschaftsautorin und ihren Ver\u00f6ffentlichungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><a href=\"https:\/\/annenberg.usc.edu\/news\/around-usc-annenberg\/science-journalist-kc-cole-joins-faculty\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">USC Annenberg School for Communication and Journalism<\/a>:<\/strong> Biografische Angaben zu Cole, ihrer journalistischen T\u00e4tigkeit, ihren B\u00fcchern und ihrer Arbeit im Wissenschaftsjournalismus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDie Blende einer Kamera und die Pupille sind nicht dazu da, Informationen hereinzulassen, sondern dazu, welche auszublenden.\u201cK. C. Cole zugeschrieben Manchmal entsteht ein Bild durch das, was fehlt Wenn wir \u00fcber eine Blende sprechen, geht es meistens um Licht. Gro\u00dfe Blende, kleine Blendenzahl, viel Licht. 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F\u00fcr das Zitat ist besonders interessant, dass Cole sich schon fr\u00fch mit Wahrnehmung besch\u00e4ftigte. 1978 erschien ihr Buch Vision: In the Eye of the Beholder im Umfeld des Exploratorium in San Francisco. Ihre Verbindung zu diesem Wissenschaftsmuseum und dessen Gr\u00fcnder, dem Physiker Frank Oppenheimer, pr\u00e4gte ihren weiteren Weg als Wissenschaftsautorin wesentlich. Damit kommt der Satz urspr\u00fcnglich nicht aus der klassischen Fotolehre. Er passt vielmehr zu Coles Art, wissenschaftliche Zusammenh\u00e4nge mithilfe anschaulicher Vergleiche verst\u00e4ndlich zu machen. Sehen bedeutet auch ausw\u00e4hlen Technisch betrachtet m\u00fcssen wir das Zitat zun\u00e4chst etwas relativieren. Nat\u00fcrlich lassen Pupille und Kamerablende Licht herein. Genau das geh\u00f6rt zu ihrer Funktion. Die Iris ver\u00e4ndert die Gr\u00f6\u00dfe der Pupille und reguliert damit einen Teil der Lichtmenge, die das Auge erreicht. 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Die eigentliche Blende sitzt hinter der Kamera Genau hier wird das Zitat f\u00fcr mich fotografisch interessant. Denn die wichtigste Form des Weglassens findet streng genommen gar nicht an der mechanischen Blende statt. Sie beginnt bereits beim Standort. Wenn Du einen Schritt nach links gehst, verschwindet vielleicht ein st\u00f6rendes Stra\u00dfenschild hinter einer Person. Gehst Du n\u00e4her heran, f\u00e4llt ein Teil der Umgebung aus dem Bild. \u00c4nderst Du die Brennweite oder den Bildausschnitt, entscheidest Du erneut, was innerhalb und was au\u00dferhalb des Rahmens liegt. Auch die Blende kann dabei gestalterisch helfen. Eine geringe Sch\u00e4rfentiefe kann den Hintergrund so weit in Unsch\u00e4rfe aufl\u00f6sen, dass er zwar noch vorhanden ist, aber weniger Aufmerksamkeit verlangt. Eine weit geschlossene Blende kann dagegen bewusst mehr r\u00e4umliche Information lesbar machen. 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Das Foto zeigt viel \u2013 erz\u00e4hlt aber m\u00f6glicherweise wenig. Dann ver\u00e4nderst Du Deinen Standort ein St\u00fcck. Ein Pfeiler verdeckt den Fahrkartenautomaten. Du gehst etwas n\u00e4her heran. Die Werbung verschwindet aus dem Ausschnitt. Schlie\u00dflich wartest Du, bis die anderen Reisenden den Hintergrund verlassen haben. Jetzt bleibt die Person auf der Bank. Vielleicht noch eine Uhr dar\u00fcber. Und pl\u00f6tzlich entsteht eine Geschichte \u00fcber Warten, Zeit oder Einsamkeit. Du hast dem Bild nichts hinzugef\u00fcgt. Du hast etwas entfernt. Mein Blick auf das Zitat Ich mag den Gedanken hinter diesem Satz sehr, obwohl ich ihn technisch nicht w\u00f6rtlich nehmen w\u00fcrde. Eine Blende entscheidet zun\u00e4chst \u00fcber Licht, nicht dar\u00fcber, welche Motive in einem Foto vorkommen. Und auch die Pupille ist kein kleiner Redakteur, der unwichtige Bildinformationen aussortiert. Als Metapher funktioniert der Satz f\u00fcr mich trotzdem erstaunlich gut. Vielleicht sogar deshalb, weil er den Blick von der \u00fcblichen Frage wegf\u00fchrt: \u201eWas kann meine Kamera alles erfassen?\u201c Mich interessiert beim Fotografieren viel mehr die umgekehrte Frage: Was braucht dieses Bild wirklich? Gerade moderne Kameras verf\u00fchren uns manchmal dazu, m\u00f6glichst viel erhalten zu wollen. Zeichnung in den Lichtern, Zeichnung in den Schatten, maximale Sch\u00e4rfe, m\u00f6glichst viele Details. Aber ein gutes Foto muss nicht m\u00f6glichst viele Informationen transportieren. Es braucht die richtigen. Und manchmal muss daf\u00fcr etwas verschwinden. Fotografie beginnt mit Licht. Ein Bild entsteht aber nicht allein dadurch, dass wir m\u00f6glichst viel davon einfangen. Wir w\u00e4hlen einen Ausschnitt aus einer viel gr\u00f6\u00dferen Wirklichkeit. Wir entscheiden, was sichtbar bleibt, was unscharf wird und was au\u00dferhalb des Rahmens verschwindet. Vielleicht liegt deshalb in K. C. Coles Gedanken eine Frage, die man sich vor dem Ausl\u00f6sen \u00f6fter stellen k\u00f6nnte: Nicht: Was kann ich noch ins Bild bekommen? Sondern: Was kann ich weglassen? Quellen und weiterf\u00fchrende Informationen Hinweis zur Quelle: Der Satz wird K. C. Cole zugeschrieben. Einen belastbaren Prim\u00e4rnachweis f\u00fcr genau diesen deutschen Wortlaut konnte ich bei der Recherche jedoch nicht finden. Auch eine eindeutig belegte englische Originalfassung lie\u00df sich nicht verifizieren. Deshalb sollte die Formulierung nicht als gesicherte w\u00f6rtliche \u00dcbersetzung eines englischen Originals verstanden werden. K. C. Cole \/ Quanta Magazine: Autorenprofil mit Angaben zu ihrer T\u00e4tigkeit als Wissenschaftsautorin und ihren Ver\u00f6ffentlichungen. 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